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Berger Straße: Zwischen Luxus und Leerstand | hr-online.de | Hessischer Rundfunk

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Mit knapp drei Kilometern ist die Berger Straße die längste Einkaufs- und Ausgehmeile Frankfurts. hr-online macht einen Streifzug und zeigt eine Straße im Wandel.

Stand: Dezember 2014

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Seit Jahren explodieren in den Frankfurter Stadtteilen Nordend und Bornheim die Immobilienpreise. Altbauten werden saniert und für ein Vielfaches weitervermietet. Neue, luxuriöse Wohneinheiten schießen aus dem Boden. Die Preise für Eigentum kratzen nicht selten an der Millionengrenze.

Nicht zuletzt die Berger Straße, die sich quer durch beide Viertel zieht, hält mit ihren Geschäften, Straßencafés und Szene-Kneipen als Argument für Bietende wie Suchende her. Die "Berger" boomt, und das zuziehende Publikum zahlt bereitwillig für das neue Zuhause.

Anders sieht die Lage bei den Geschäftsleuten aus. Nicht alle Ladenbesitzer können bei den Mondpreisen mithalten, zumal mit den großen Einzelhandelsketten vorerst auch ein Teil der Laufkundschaft verschwunden ist. Der Leerstand wächst. Schon das Entree am unteren Ende der Berger Straße (siehe Foto) ist wenig erbaulich.


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Nur wenige Meter weiter oben wagt Umut A. einen Anlauf, das etwas verwaiste Stück rund um den Bethmannpark neu zu beleben. Erst seit wenigen Wochen hat das "Bethmann’s Café" geöffnet. Kaffee, Kuchen und Baguettes werden in dem kleinen Laden angeboten, in dem zuletzt ein Shop mit hessisch-spanischem Konzept vergeblich auf den Durchbruch hoffte.

Eine sechsstellige Summe hatte die Vorbesitzerin investiert, der Nachfolger übernimmt das geschmackvolle Interieur. "Wir wollen das Frühjahr und den Sommer abwarten", sagt Umut A., der mit seiner kleinen Tochter im Café sitzt. Bislang laufe es aber nicht schlecht.

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Eigentlich hätte der Unternehmer gerne auch den angrenzenden Laden mit übernommen. Die ehemalige Modeboutique steht schon seit längerer Zeit leer. Ein Café für Eltern und Kindern, mit Spielecke und "Bällebad" schwebt Umut A. vor. Doch die Hausbesitzerin wünscht sich zwei separate Mieter, um ihr Risiko zu verringern. Im neuen Jahr soll es noch einmal Gespräche geben – auch über die Miete, die für beide Geschäfte derzeit bei insgesamt rund 6.000 Euro pro Monat liegt.

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Leerstand und Luxus liegen eng beieinander

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Während vor allem der erste Abschnitt der unteren Berger Straße mit Leerstand und fehlender Kundschaft zu kämpfen hat, ist es im Herzen der Einkaufsmeile noch so, wie es immer war. Hier pulsiert das Nordend mit seinem Charme aus alternativem Lebensstil für nicht immer ganz alternativlose Preise.

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"Manchmal fehlt der Geschäftsplan"

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Für Hans Schwarz vom gleichnamigen Pelz-Fachgeschäft ist vieles eine Frage des richtigen Konzepts. Der Unternehmer wundert sich über so manche Neueröffnung...


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Um steigende Mieten muss sich der 1947 gegründete Familienbetrieb aber keine Sorgen machen. Der Pelzhandel sowie der dazugehörige Altbau sind im eigenen Besitz, Hans Schwarz wuchs auf der Berger Straße auf und beobachtet die Entwicklung gelassen: "Der Stadtteil ist jünger geworden, mit unheimlich vielen Kindern, aber auch mehr Anonymität. Aber das ist der Zeitgeist."

Ob das neue, zahlungskräftige Publikum seiner exklusiven Ware zu Gute kommt, kann Schwarz nicht genau sagen. Er lebt von Stammkunden, die auch weitere Wege in Kauf nehmen. Zurücklehnen will sich der Unternehmer aber nicht:  "Man darf sich auch als alteingesessener Betrieb nicht auf den Lorbeeren ausruhen." Zwar sei die Berger Straße eine schöne Lage, "aber wir sind nicht auf der Zeil".

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Zahlreiche Stammgäste hat sich ein paar Schritte weiter nördlich auch Andrea Kolb im "Wiesenlust" erarbeitet. Der Burger-Laden bietet neben den klassischen Buletten ein breites veganes Angebot. "Mit veganen Produkten startet man eher hier als im Bahnhofsviertel", erläutert die Mitbesitzerin das 2013 begonnene Slow-Food-Projekt.

Und nach einem schwierigen ersten Jahr, in dem teilweise auch die finanziellen Rücklagen angegriffen werden mussten, läuft es nun deutlich besser. "Ich freue mich weiter über jeden Gast, aber im Vergleich zum letzten Jahr haben wir uns gesteigert", so Kolb. Dennoch warnt die Gastronomin vor einem übertriebenen Hype:

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Gehypt wurde nach dem Auszug der Tomin-Videothek auch das markante freigewordene Glasgebäude. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis sich ein neuer Mieter findet. Doch eine aufgerufene Monatsmiete von 14.000 Euro ist wohl ebenso abschreckend wie die Aussicht auf umfangreiche Umbauten für Gastronomen. Ohnehin will Eigentümer Ardi Goldman keine Kneipe in den Räumlichkeiten. Nun steht der Glaskasten seit anderthalb Jahren mehr oder weniger leer. Ein Pop-Up-Store, der auf Goldmans Initiative dort seit September Kleidung verkauft, geht zum Jahresende wieder raus.

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"Dieser Laden ist bedroht", sagt der Inhaber von "Zigarrenhaus Günther" und macht keinen Hehl aus dem schwieriger gewordenen Umfeld. Schon links und rechts von dem Traditionsbetrieb herrscht nach dem Aus einer Bäckerei und eines Ein-Euro-Ladens seit längerer Zeit Leerstand. Früher, als nebenan noch ein Supermarkt war, habe man gegenseitig profitiert, erzählt der Tabakhändler. Doch diese Zeiten seien vorbei: "Ich sehe ganz, ganz schwarz."

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Weitaus weniger düster sind die Erwartungen bei Familie Anic im "Estragon". Der türkische Supermarkt bietet seit 24 Jahren täglich frisches Obst, Gemüse und Fleisch an und hat sich unmittelbar an der Kreuzung zwischen unterer und oberer Berger Straße einen Namen gemacht. Evin Anic weist in diesem Zusammenhang auch auf ihren "sehr guten Vermieter" hin: "Wir sind seit Jahren hier und unsere Miete hat sich nicht erhöht", sagt die Inhaberin. Aber das sei die Ausnahme.

Seit wenigen Tagen hat der Familienbetrieb ein paar Schritte die Straße runter sogar expandiert. In einem Kebabladen gibt es türkische Gerichte. "Geschäfte machen ist Risiko, aber wir sind das Risiko eingegangen, weil wir denken, dass es gut laufen wird", so Anic. Der Start verlief verheißungsvoll.

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Evin Anic kennt ihre anspruchsvolle Kundschaft. Statt Schnäppchen ist im "Estragon" vor allem Qualität gefragt.


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Mit der Trennung von unterer und oberer Berger Straße erlebt die Einkaufsmeile an der Kreuzung Höhenstraße ihre größte Teilung. Die Grenze zwischen Nordend und Bornheim wird auch im Straßenbild schnell sichtbar. "Unten stehen die Besitzer meist selbst im Laden, oben waren immer die Konzerne", erklärt Pelzhändler Hans Schwarz die unterschiedlichen Strukturen.

Doch genau hierbei liegt mittlerweile das Problem: Die großen Ketten haben sich zumindest vorübergehend verabschiedet. Handyläden und Billig-Bäckereien prägen immer mehr die "Bernemer Zeil". Und der Leerstand wächst.

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Vor über einem Jahr hat der Elektroriese "Saturn" seine Pforten geschlossen, passiert ist seither nichts. Und es wird wohl noch eine Weile dauern, ehe der geplante Abriss und Neubau mit Verkaufsflächen und Wohnungen erfolgt. "Ich gehe nicht davon aus, dass im nächsten halben Jahr eine Baugenehmigung erteilt werden kann", sagt Mark Gellert vom Stadtplanungsamt.

Die angrenzenden Händler leiden unter der fehlenden Laufkundschaft, dabei sind die Mieten hier genau deshalb besonders hoch. Umsatzeinbußen zwischen 20 und 40 Prozent sind keine Seltenheit. Immerhin: "Saturn" hat signalisiert, nach Fertigstellung des Gebäudes zurückkehren zu wollen.

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Nur einen guten Steinwurf weiter oben wird schon eifrig gewerkelt. Hier hat sich die Einzelhandelskette "Woolworth" im April verabschiedet, wegen einfacherer baurechtlicher Voraussetzungen konnte aber schnell mit den Umbauarbeiten begonnen werden. Aus einem großen Geschäft sollen drei kleinere werden, darunter auch wieder "Woolworth". Für die oberen Etagen hat sich ein Fitnessstudio angekündigt. Doch bis dahin muss mit Baulärm gerechnet werden:


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Trotz der vielen Baustellen sieht man im Rathaus der Zukunft der Berger Straße optimistisch entgegen. "Die Berger ist eine der wenigen Straßen, die sich seit vielen Jahren als wesentlicher Einzelhandelsstandort behaupten kann", meint Stadtplaner Mark Gellert. Das sehe nicht überall so aus. Mit der Leipziger Straße in Bockenheim, der Sachsenhäuser Schweizer Straße und der Königsteiner Straße in Höchst gibt es in den Frankfurter Stadtteilen noch drei vergleichbare Shoppingmeilen.

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Für eine Tradition der besonderen Art steht der Spielwarenladen "Meder". Seit fast 140 Jahren verkauft das Familienunternehmen im Herzen Bornheims Spielzeug und Haushaltsartikel. Selbst der Wegzug der großen Ketten kann das älteste Geschäft der Berger Straße nicht schocken – im Gegenteil: "Wir sind die einzigen, die noch übrig sind in Frankfurt als allgemeines Spielwarengeschäft", erklärt Inhaberin Christel Steul, "seit der Woolworth weg ist, sind wir wieder richtig in."


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Doch Christel Steul weiß auch um die Schwierigkeiten, mit denen die Geschäftsleute zu kämpfen haben. Die untere Berger Straße sieht sie dabei im Vorteil.


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Während sich das Leben tagsüber rund um Bornheim Mitte abspielt, verlagert es sich in den Abendstunden weiter nördlich. Jenseits des Fünffingerplätzchens wird die Straße schmaler und die Kneipendichte höher. Hier, am Schauplatz der jährlich stattfindenden Straßenfests "Bernemer Kerb", wechseln sich Kneipen, Apfelwein-Gaststätten und Restaurants munter ab. Vor allem im Sommer herrscht Hochbetrieb.

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Vom abendlichen Trubel bekommen Kari Deppe und Katja Zöller im "Kaufhaus Hessen" nicht allzu viel mit. "Für die Gastronomie machen sich die Leute auf den Weg, aber zum Einkaufen ist es hier oben wohl zu weit", meint Mitinhaberin Deppe. Doch während ringsum schon zahlreiche Geschäfte schließen mussten, feiert das Kaufhaus mit seinen hessischen Produkten im Frühjahr das fünfjährige Bestehen.

"Hier sind die Bornheimer und die Hessen und nicht so viele Zugezogene", erklärt Deppe das Erfolgsrezept, das mittlerweile schon Nachahmer gefunden hat. "Wir hoffen, dass bricht uns nicht das Genick", sagt sie mit Blick auf die neue Konkurrenz. Die Hoffnungen der beiden Geschäftsfrauen ruhen auch auf ihrem Onlineshop.

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Für Kari Deppe (links) liegt ihr Geschäft am "gefühlten Ende" der Berger Straße. Die etwas abgeschiedene Lage hat aber auch Vorteile.

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Noch einen knappen Kilometer schlängelt sich die Berger Straße hinter dem "Kaufhaus Hessen" nach oben. Geschäfte gibt es hier nur noch wenige. Die großen Highlights rund um den Merianplatz, Bornheim Mitte und das Kneipenviertel sind  hier ebenso weit entfernt wie die Sorge vor Mondpreisen, Großbaustellen und Handyläden.

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